Ein Flyer in Brailleschrift, ein Bühnenstück mit Audiodeskription oder eine Rampe für Rollstuhlfahrer*innen. Es gibt viele Möglichkeiten, Kulturveranstaltungen zugänglicher zu machen. Christoph Kreinbucher-Bekerle, Mitorganisator des InTaKT Festivals Graz spricht über Inklusion im Kulturbetrieb, über Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit Behinderungen und warum gemeinsame Aktivitäten so wichtig sind.
Dass Inklusion nicht nur eine Frage der Infrastruktur, sondern auch eine Frage der gesellschaftlichen Haltung ist, zeigt sich in alltäglichen Begegnungen. Kreinbucher-Bekerle erlebt immer wieder, dass er in Gruppen aus Menschen mit und ohne Beeinträchtigung oft als erster Ansprechpartner herangezogen wird, auch dann, wenn sich das Anliegen gar nicht an ihn, sondern etwa an seine Kollegin mit Trisomie 21 richtet. „Ich betone dann, dass sie für sich selbst sprechen kann und das Anliegen bitte mit ihr besprochen werden soll”, erzählt er.
Kreinbucher-Bekerle ist Gründer des Vereins IKS – Förderung der Inklusion durch kulturelle und sportliche Aktivitäten und engagiert sich seit über zehn Jahren für mehr kulturelle Teilhabe von Personen mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Trotz rechtlicher Verbindlichkeit laufe die Inklusion in manchen Bereichen nur schleppend. „Leider bewegen wir uns trotz der UN-Behindertenrechtskonvention in sehr kleinen Schritten vorwärts, weil die Strukturen oft nicht mehr zulassen”, kritisiert Kreinbucher-Bekerle. Umso wichtiger sei es, dass Personen mit Beeinträchtigung ein Sprachrohr haben, in der Gesellschaft sichtbar seien und eine Vorbildwirkung entstehen könne.
Vorhang auf für das InTaKT Festival
Im Jahr 2008 trat in Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Darin hat sich der Staat dazu verpflichtet, den aktuell 1,4 Millionen Österreicher*innen mit Behinderungen gleiche Rechte einzuräumen. Dazu gehört auch das Recht am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben. Der Verein IKS versucht dieses Menschenrecht zu stärken und hat deshalb 2016 das InTaKT Festival ins Leben gerufen, um inklusiven Kulturveranstaltungen eine Bühne zu bieten. So war es möglich in der Performance „Bauchgefühl” des Berliner Theater Thikwa & hannsjana das Thema Elternschaft auf eindrückliche Art und Weise zu verhandeln: Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen standen gemeinsam auf der Bühne und haben sich mit Fragen beschäftigt wie: Wer möchte ein Baby bekommen? Wer soll keines bekommen? Wer entscheidet über den eigenen Körper? Im Anschluss gab es auch eine Diskussionsrunde mit Expert*innen und direkt Betroffenen.
„Ist im Ensemble jemand mit Beeinträchtigung, ist die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass im Publikum jemand mit Beeinträchtigung sitzt”, ist Kreinbucher-Bekerle überzeugt. Das wiederum würde Vorurteile abbauen. Denn: Je mehr Berührungspunkte unterschiedliche Gruppen miteinander haben, desto weniger Vorbehalte gegenüber der jeweils anderen Gruppe bilden sich heraus. Diese Abgrenzung einer Personengruppe gegenüber einer anderen im Sinne des „Wir” und „die Anderen” nennt man Othering. Freizeit-, Sport- und Kulturangebote seien eine gute Möglichkeit dem entgegenzuwirken. „Die Grenzen zwischen abled und disabled verschwimmen in der gemeinsamen Aktivität und der Mensch rückt ins Zentrum”, hält der ausgebildete Sportpsychologe fest
Dass inklusive Begegnungen auch neue künstlerische Handlungs- und Darstellungsmöglichkeiten eröffnen, beweist die Tanzperformance „Every Body Electric” von Doris Uhlich. Das 2018 im Tanzquartier in Wien uraufgeführte Stück öffnet die Bühne für Menschen mit körperlicher Behinderung. „Rollstühle, Krücken oder Prothesen werden in das Bühnenbild integriert”, erzählt Kreinbucher-Bekerle. Die Hilfsmittel sind somit nicht nur eine Unterstützung, sondern werden selbst Teil des künstlerischen Ausdrucks.
Lesung in Gebärdensprache
Apropos Ausdruck: In Österreich leben rund 10.000 gehörlose Menschen und etwa 450.000 Menschen mit Hörbehinderungen. Für all jene erleichtert eine Gebärdendolmetschung den Zugang zu Kulturevents, denn neben der deutschen Lautsprache gibt es die seit 2005 rechtlich anerkannte österreichische Gebärdensprache, kurz ÖGS. Das InTaKT Festival setzt von Beginn an auf solche Angebote. Im Vorjahr wurde eine Lesung angeboten, die Laut- und Gebärdensprache kombiniert und bereits für Kinder aufbereitet wurde. Auch heuer findet am 5. November um 15 Uhr in der Bibliothek Lannach wieder eine Kinder- und Familienlesung in Laut- und Gebärdensprache statt. Kinderbuchautorin Lena Raubaum liest aus „Ungalli“ und Native Signerin Marlies Hausch begleitet sie in ÖGS. Die freiwilligen Spenden kommen dem InTaKT Festival zugute.
Damit Kulturveranstaltungen von einem mixed-abled Publikum, also von Menschen mit und ohne Behinderung, besucht werden können, braucht es eine barrierearme Infrastruktur. „Gerade im Kulturbereich ist man sehr bemüht, Menschen mit Beeinträchtigung Teilhabe an Veranstaltungen aller Art zu ermöglichen”, meint Kreinbucher-Bekerle. Sowohl die Grazer Spielstätten als auch Veranstalter*innen würden hier mit gutem Beispiel vorangehen. Seit 2020 besteht auch das Netzwerk Kultur Inklusiv, um mehr Teilhabe im Kulturbereich zu ermöglichen. Für jüngeres Publikum bietet etwa das Grazer Popella Festival immer wieder inklusive Programmpunkte an, das nächste Mal am 28. Oktober in der Postgarage: Sunny Lila gestaltet ein Mitmach-Konzert und wird von Sarah Zach, einer gehörlosen Person und Leiterin des Gehörlosenverband Steiermark, mit ÖGS begleitet.
Auf die Frage, wo noch Luft nach oben sei, hält Kreinbucher-Bekerle fest: „Es ist simpel, aber viele vergessen darauf, die Zielgruppe darum zu bitten, beispielsweise Inhalte oder die räumliche Barrierefreiheit zu testen und Feedback zu geben.” Genau dafür hat das InTaKT Festival Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen mit Expert*innen für Inklusion im Team. Als ein weiteres gelungenes Beispiel nennt er das Graz Museum, das Menschen mit Beeinträchtigungen von Beginn an in ihre Überlegungen miteinbezieht, um möglichst nah an der Lebensrealität der Betroffenen zu sein. Eine Schulung von Mitarbeiter*innen im Umgang mit dieser Zielgruppe könne zusätzlich unterstützen. „Das ist neben der Haltung auch eine Frage von Ressourcen”, so Kreinbucher-Bekerle. Rückläufige Förderungen würden dazu beitragen, dass vieles schlichtweg nicht umgesetzt werden könne. „Deshalb ist es umso wichtiger dranzubleiben, auch wenn es mal nicht so rund läuft. Es lohnt sich mit Blick auf jene Personen, für die wir etwas erreichen können, denn: Gemeinsam kann Großes entstehen”, appelliert Kreinbucher-Bekerle.
